K 5 – Behaghels Gesetz

23 Juni 2016
Warum das Unbelebte ans Ende kommt
 
Gibt es einen Grund dafür, dass das Belebte so gerne am Satzanfang steht? Oder vielleicht sollten wir besser fragen: Gibt es einen Grund, dass es sich relativ selten am Satzende aufhält? Dramaturgisch gesehen ist dort die Spannung ja am größten, dahin schiebt der deutsche Satz, wie wir wissen, seine wichtigsten Informationen, allen voran das infinite Verb. Entdeckt hat das vor fast hundert Jahren ein großer deutscher Linguist. Otto Behaghel hieß er, und eins seiner Gesetze lautet:
 
Das Wichtige steht nach dem Unwichtigen.
 
 Otto Behaghel. Die deutsche Sprache. Leipzig 1930
 
Nach Behaghel gibt es einen praktischen guten Grund dafür, dass das Wichtige ans Ende des Satzes strebt. Geht man von der gesprochenen Sprache aus, dann hat der menschliche Geist nämlich viel zu tun: Das gesprochene Wort verhält sich flüchtig – kaum gesagt, ist es schon wieder verklungen. Je länger die Rede, desto schwieriger wird es, sich alle gehörten Informationen zu merken. Die größte Chance auf Beachtung hat das Wort, das zuletzt noch im Ohr klingt. Schon deshalb platzieren wir, was uns wichtig ist, möglichst weit hinten im Satz. Unwichtiger ist dabei das, was dem Hörer sowieso schon bekannt war, wichtig ist die jeweils neue Information. Behaghels Gesetz lässt sich also auch so ausdrücken: 
 
Das Unbekannte (Neue) steht nach dem Bekannten (Altem)
 
Sehen wir uns nun noch einmal unsere sechs Sätze daraufhin an, welches Satzglied etwas Neues gebracht hat. Die belebten Satzglieder hießen Salli und Sergey. Neu sind uns die beiden ja nicht mehr. Selbst wenn wir diese sechs Sätze isoliert von unserer Geschichte läsen, wären sie uns spätestens ab dem zweiten Satz bekannt. Das Neue kommt ins Spiel durch die jeweils verschiedenen Verben und durch das zweite, das unbelebte Objekt: Pachtgeld, Wespenvernichtung, Apfelschorle...
 
Echsenköniginnen und Androide?
 
Nun könnte man natürlich einwenden, dass durch sechs Beispielsätze, in denen immer die gleichen Personen auftreten, noch nicht viel bewiesen ist, dass man doch jederzeit andere Sätze basteln könne, worin die belebten Subjekte und Objekte Erscheinungen von atemberaubender Neuheit wären, so dass einmal eine grün schillernde Echsenkönigin einem Androiden Pachtgeld vorstreckt, beim nächsten Mal eine stadtbekannte Schlampe den Heiligen Nikolaus zur Apfelschorle verführt. Solche Sätze lassen sich natürlich problemlos konstruieren – aber so geht es nicht zu, wenn wir sprechen oder schreiben. 
 
Lebewesen in beschränkter Zahl
 
Normalerweise ist der Stab von Figuren, die in einer Erzählung, einem Dialog, oder Bericht vorkommen, begrenzt. Gerade weil sie wichtig sind in ihrer Unverwechselbarkeit und Individualität, beschränken wir uns auf wenige Lebewesen. Und beschreiben sie, indem wir von den Zusammenstößen berichten, die sie mit der Welt der Gegenstände haben. Das mögen plastisch-sinnliche Dinge sein wie ein Türstock oder Testament oder etwas Geistiges wie Aufmerksamkeit oder Virtuelles oder Gefühle ... 

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