Wann steht das Objekt am Satzanfang?

Liebe Frau Jodl,  
ich hatte gerade eine Interessante Diskussion, zusammen mit meiner Verlobten. Laut vielen Grammatikressourcen und auch den Lehrmitteln, mit denen Sie Deutsch gelernt hat, ist es möglich, dass Objekt an den Anfang des Satzes zu stellen. Beispiel: Ich habe heute Wurst gekauft. Wurst habe ich heute gekauft. Der Hund fing den Ball. Den Ball fing der Hund. Das Problem ist allerdings, dass sich diese Sprachkonstruktionen nicht immer natürlich anhören. Angenommen wir stehen beide auf der Straße und beobachten, wie ein Hund einen Ball fängt. Die Aussage: "Wow, den Ball hat der Hund gefangen" wäre hier ohne Kontext zumindest komisch - (oder?) Gibt es Regeln, mit denen man rational erklären kann in welchen Situationen es sinnvoll ist, Sätze umzustellen? 

Lieber N.,
Sie fragen, ob es Regeln gibt, mit denen man erklären kann, in welchen Situationen es sinnvoll ist, Sätze umzustellen. – Klar gibt es die. 
Vielleicht kennen Sie die berühmte Ballade „Der Handschuh“ von Friedrich Schiller? Da sitzen schön artig ein König mit Hofstaat zusammen, um einem Kampf wilder Raubkatzen in einem Gehege zuzusehen. Unter ihnen ein kokettes Fräulein namens Kunigunde, die seit längerem von einem Ritter verehrt wird. Jetzt will sie mal die Standfestigkeit seiner Liebe erproben, wirft zu diesem Zweck ihren Handschuh ins Gehege und fordert den Ritter auf, ihn ihr wieder zu bringen. Der tut es – furchtlos – und als er wieder vor ihr steht, haben wir folgende Szene und damit das Ende des Gedichts:

Und gelassen bringt er den Handschuh zurück.
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick –
Er verheißt ihm sein nahes Glück –
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht: 
»Den Dank, Dame, begehr ich nicht«,
Und verlässt sie zur selben Stunde.

Außer in der dritten haben wir hier in jeder Zeile ein Akkusativobjekt und stets sitzt es da, wo wir es nach allen gegebenen Regeln vermuten dürfen, nämlich eher gegen Ende des Satzes – in der vorletzten Zeile aber steht es ganz am Anfang des Satzes im so genannten Vorfeld: "Den Dank, Dame, begehr ich nicht."

Diese Art der Umstellung nennen wir in der Syntax „Markieren“. Alles, was anders ist als erwartet, gilt als „markiert“, der Sinn des Markierens liegt darin, dass unsere Aufmerksamkeit auf den markierten Satzteil gelenkt wird. Es ist wie im richtigen Leben: Die weißen Schwäne nehmen wir einfach so zur Kenntnis, ein schwarzer Schwan überrascht uns viel mehr. Wenn Sie den Satz aus der Ballade laut lesen, dann werden Sie übrigens feststellen, dass auch die Stimme markiert. Der empörte Ritter wird das Akkusativobjekt viel betonter und akzentuierter sprechen als alle anderen Worte im Satz. Das gibt es natürlich nicht nur bei Schiller, sondern auch in unserem Alltag, immer dann, wenn wir über etwas Herausragendes – z.B. Unzumutbares oder heiß Geliebtes – sprechen:

Was? Dieses alte Auto willst du mir verkaufen?
Meinen wunderbaren weißbärtigen Großvater werde ich nie vergessen.

Bei Ihren Beispielsätzen mit der Wurst oder dem Ball gibt es keinen Anlass, die Objekte zu markieren. Außer vielleicht in einem Streitgespräch: „Nein, nein! Den Ball da drüben hat mein Hund gefangen! Der gehört jetzt uns!"

In meinem Grammatikkompendium stehen dazu weitere Erklärungen unter:


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