Ist "möchte" ein Verb?

Guten Tag, Angelika, ich unterrichte hier Deutsch nach dem Buch "Alemão em 30 dias", von Angelika G. Beck, Langenscheidt Verlag. Dort heißt es: "mögen = Infinitiv von ich möchte" und dann: "möchten = Konjunktiv Imperfekt von mögen". Ich finde das sehr verwirrend; kannst das aufklären, bitte?
Liebe Grüße, Barbara

Das ist in der Tat sehr verwirrend formuliert, Barbara. Ich versuche mal, ein bisschen Systematik reinzubringen:

1. mögen ist eins der sechs Modalverben im Deutschen. Modalverben begleiten normalerweise ein anderes, „normales“ Verb und modifizieren dieses, so z.B.:
- ich kann mir diesen Satz nicht erklären
- ich will ihn mir nicht erklären
- ich sollte ihn mir vielleicht erklären
etc.

Alle Modalverben können auch für sich stehen, dann ist entweder durch einen Vorsatz klargestellt, was hier modifiziert werden soll:
- Ich kann das nicht.
- Ja, ich will! etc.

Oder das Modalverb selbst hat einen Zuwachs an Bedeutung erhalten, wie etwa hier:
- Du kannst Portugiesisch (sprechen, verstehen etc.).

Letzteres ist sehr oft der Fall bei mögenmögen hat semantisch gesehen die Bedeutung von lieben angenommen, nicht ganz so heiß, aber in die Richtung marschiert es schon:
- Ich mag Hunde, Portugal, Bücher etc.

2. Wie alle Modalverben kann natürlich auch mögen die Haltung des Konjunktiv II annehmen. Während sich bei seinen Brüdern die alte Bedeutung mit dem Zusatz der Irrealität erhält – Ich kann kein Portugiesisch, aber vielleicht könnte ich es lernen – passiert hier aber ein richtiger Umsturz in der Semantik: Ich möchte ist kein irreales Ich mag/liebe, sondern bedeutet jetzt so viel wie Ich will:
- Nein danke, ich möchte jetzt nicht tanzen.

Das klingt vielleicht ein wenig netter als Ich will nicht, aber letztlich sagt man eben dies damit.

Ein Beispiel dazu, wie weit die Bedeutung von Ich mag und Ich möchte auseinandergedriftet sind, ist folgender Klassiker:
Sie mag Hunde, aber sie möchte keinen. 
(Solche Sätze sind im Übrigen im Unterricht um einiges tauglicher als die mühselige Erklärung, die ich hier so unter uns Pfarrerstöchtern abgebe)

3. Aus all dem folgt, dass es für Ich möchte keinen Infinitiv gibt. Konjunktive haben keine weitere grundlegende Infinitivform (oder gelahrter gesagt: Der Konjunktiv ist prinzipiell finit). möchten, wie es in deinem Buch steht, existiert nicht (als Infinitiv, wie er in einem Wörterbuch stehen könnte; nicht als wir/sie möchten etwas). Zum Beweis könnte man sich einen Satz konstruieren, worin zwei Modalverben auftauchen, eins in der finiten, das andere in der infiniten Form. Zum Beispiel im Aufschrei einer theatralischen Heldin:
- Mein Gott, ich darf das nicht wollen!
- Ich darf das nicht m-m-öchten?? – Eben. Sagt man nicht. 

4. Ich will der Verfasserin deines Lehrbuchs nun nicht unterstellen, dass sie von diesen Zusammenhängen keine Ahnung hat, sondern ihr erst mal die ehrenwerte Absicht zuschreiben, den Schülern das Leben erleichtern zu wollen und deshalb so zu tun, als wäre Ich möchte ein ganz normales Verb mit Infinitiv wie alle anderen Verben auch. Aber auf dem Holzweg bleibt sie damit trotzdem, gerade auch in didaktischer Absicht. Das zeigt sich spätestens dann, wenn der Schüler einen Satz mit ich, du, er, sie, es möchte in die Vergangenheit versetzen soll. Nehmen wir dazu noch mal den Beispielsatz von oben:

Sie mag Hunde, aber sie möchte keinen. Im Präteritum:
Sie mochte Hunde, aber sie mochte keinen – Was jetzt? Mochte sie oder mochte sie nicht? 
Eben deshalb weicht man in solchen Fällen auf das Verb aus, das dem ich möchte semantisch am nächsten kommt:
Sie mochte Hunde, aber sie wollte keinen.

5. Der letzte Punkt, der in deinem Lehrbuch für Verwirrung sorgt, ist die Bezeichnung „Konjunktiv Imperfekt“. Dieses Wort geistert immer noch durch die Lehrwerke und sorgt da für jede Menge Unklarheit. Denn der Form nach leitet sich der Konjunktiv II tatsächlich ab vom Präteritum (oder meinetwegen „Imperfekt“; im Deutschen bezeichnen beide Begriffe dasselbe). Das heißt, wenn die Schüler lernen sollen, den Konjunktiv zu basteln, orientieren sie sich erst mal am Imperfekt:
- haben – hatte – hätte
- sein – war – wäre
- können – konnte – könnte etc.

Aber dieser rein formale Aspekt bedeutet eben nicht, dass man mit Sätzen wie „Ich hätte jetzt gern ein Marmeladenbrötchen – könntest du mir mal den Brotkorb geben?“ das Imperfekt benutzt hätte. Das war Konjunktiv II im Präsens. Nur die Form sieht dem Imperfekt so ähnlich.

Eben diese Ähnlichkeit verwirrt Deutschlerner schon mehr als genug. Ihnen dann noch etwas von einem „Konjunktiv Imperfekt“ zu erzählen, führt sie endgültig ins Dickicht.

Habe ich dir helfen können, Barbara?

Themen

Grammatik-Blog
K 1 – Pronomen und Adjektive
4 Juni 2016
Pronomen (3) haben etwas Äffchenartiges: klein sind sie, behände und reich an Unterarten. Eine besonders häufig vorkommende Population sind die...
K 5 – Wie sortieren sich Objekte im Satz?
22 Juni 2016
Gibt es einen Nutzwert aus diesem „belebt – unbelebt“ für unsere Frage nach dem gelungenen Satz? Ja. Dann nämlich, wenn ein Verb sich mit einem Objekt...
K 12 – Wie Sprache beginnt
27 Juli 2016
Im Laufe der Zeit hat sich bei Interjektionen und Gesten eine kulturspezifische Verzweigung ergeben, so dass heutige Sprachgemeinschaften manchmal...
K 11 – Nachstellen und Ausklammern
19 Juli 2016
Am Ende von Kapitel Elf ist Sergey also davongegangen wie ein geprügelter Hund? I wo, keine Rede davon. 
K 3 – Noch mehr Verben, noch mehr Verbteile
14 Juni 2016
Manchmal reichen zwei Verben nicht aus und ein drittes muss hinzugezogen werden, zum Beispiel, wenn man ein Modalverb oder das Passiv mit einer...