Eva B.: „besitzen“ oder „haben“?

Hallo liebe Angelika, 
ich weiß nicht, ob es immer schon so war, oder ob es mir nur in den letzten Jahren häufiger auffällt: Es geht um die Verwendung des Wörtchens "besitzen" im Zusammenhang mit sachbezogenen Substantiven. Auch Sie benutzen es hier im Blog, z. B. in "Satzglieder, die eine gewisse Fülle aufweisen, besitzen offenbar eine Art Abonnement...". In meinen Ohren klingt das jedesmal sehr abstrus. Mir würde "haben" hier völlig reichen (und mich sogar glücklicher machen). Für mich kann nur eine Person etwas besitzen, und zwar einen Gegenstand. Mit einer Eigenschaft funktioniert das Wort (für mich) schon nicht mehr (Mein Bruder hat z. B. die Eigenschaft, lange zu schlafen, er besitzt sie nicht.) Da werfe ich doch mal einen Blick in den Duden, denke ich, und werde ein bisschen belohnt. Unser Lieblings-K.O.-Buch lässt "besitzen" zwar für (menschliche) Eigenschaften zu, findet es aber immerhin gespreizt. Beispiele für Gegenstände (oder grammatische Konstruktionen ;-)), die etwas besitzen, nennt der Duden immerhin auch nicht. Nun also meine Frage: Ist das mein persönliches Missempfinden, oder gibt es etwas, das sich grob als Regel dafür formulieren lässt, in welchem Zusammenhang "besitzen" passend ist? Fragt, dankt und grüßt: Eva 

Hallo, liebe Eva, 
da haben Sie ja auf der einen Seite durchaus Recht: „besitzen“ drückt ein Rechtsverhältnis aus, so dass auf der einen Seite tatsächlich eine Person vermutet werden sollte (auch eine juristische Person wie „die Polizei“ oder „der Vatikan“) und auf der anderen Seite, etwas, das in einem juristischen Sinn besessen werden kann. „haben“ ist dem gegenüber ein Synonym mit weitaus mehr Möglichkeiten: Hunger, Angst oder Kopfweh z. B. kann man haben, aber nicht besitzen. 
Auf der Basis solcher Konnotationen gründen sich dann Wortspiele, Ironien, Metaphernbrüche und andere schöne Sprachspäße. In dem von Ihnen aufgegriffenen Fall traue ich Satzgliedern zu, sich diverse Rechte herauszunehmen bzw. zu abonnieren. Ein Abonnement lässt sich besitzen. Ob von einem Satzglied – das hängt davon ab, ob man diese Spezies ausschließlich als grammatikalische Kategorien betrachten will oder als eine Art Wesen mit Willen, Vorlieben und Eigenarten. Meine Figur Salli tut das mit Leidenschaft.
Ich auch.
Herzliche Grüße
Angelika

Themen

Grammatik-Blog
K 4 – Das Dativobjekt
19 Juni 2016
Ganz anders als der Raubtierblicke versendende Akkusativ kommt der Dativ daher, der schon durch seine lautliche Gestalt eine gewisse Gemütlichkeit...
K 12 – Sind Interjektionen Wörter?
24 Juli 2016
Mit seiner Auffassung, Interjektionen seien nicht mehr als Krach, befindet sich Sallis Freund, der kluge Dr. Donnerstag, hinter dem Mond. Dass...
K 6 – Reflexivpronomen, Angaben, Modalpartikel
27 Juni 2016
Einem Wechsel nur diesem klanglichen Prinzip zuliebe begegnen wir auch beim Reflexivpronomen sich. Dieses Wort ist von seiner Eigenbedeutung...
K 6 – Wie sich der Rhythmus bemerkbar macht
25 Juni 2016
Im sechsten Kapitel hat Salli an einem einzigen Tag einiges aufs Haupt bekommen. Von morgens bis abends hat sie Dinge getan, die sie sich nie zuvor...
K 1 – Verben und Adverbien
5 Juni 2016
Die Hauptarbeit im Satz leisten die Verben (5). Geschmeidig sind sie wie Katzentiere, schon wenn wir konjugieren, ändern sie ihre Gestalt: ich...