Jannis Kalifatidis – Übersetzerkoryphäe und Rockmusiker

5 Juni

Er gehört zum Spitzenkreis unter Griechenlands Übersetzern, hat den Staatlichen Übersetzerpreis für Literatur gewonnen sowie den Preis für deutschsprachige Literaturübersetzung vom Goethe-Institut Athen. Auf der Liste seiner Übersetzungen aus dem Deutschen stehen (neben vielen anderen) die Namen W.G. Sebald, Jean Améry, Friedrich Glauser, Stefan Zweig. Und die Rockband "Penny Dreadfull" hat er auch noch gegründet.

Kann er vom Übersetzen leben? Wenn er nebenher noch lektoriert und korrigiert sowie Über- und Untertitelung von Theaterstücken und Filmen dazu nimmt und viele andere Texte übersetzt, die ihm persönlich wenig bedeuten – ja. Mit einem 18 – 20 Stunden-Tag. Weil das Leben von Übersetzern (und vielen anderen Berufen) im heutigen Griechenland so aussieht: Von 10 verdienten € wandern 6,5 – 7 in Form von Steuern und Abgaben sofort an den Staat. Wer 10 € braucht, muss also einen Umsatz von 30 € machen, damit die Rechnung aufgeht. Tatsächlich geht sie so auf: Die Menschen arbeiten, verdienen Geld, zahlen ihre Abgaben und haben dann so wenig übrig, dass sie sich verschulden müssen. Wie man in der Situation noch Versicherungen bezahlen soll, kann man sich ja ausrechnen. 

Wie hat er die Krise erlebt? Zum Beispiel so, als er eine deutsche Filmemacherin, die einen Film zur Krise drehen wollte, durch das winterliche Athen begleitete. Ein griechischer Künstler sollte in seiner Wohnung aufgesucht werden, Iannis hatte vorgewarnt: Bitte, keine großen Erwartungen da, dem Mann geht’s finanziell nicht gut. Tatsächlich ist die Wohnung unbeheizt, die Filmemacherin fröstelt, reibt sich die Schultern, schüttelt den Kopf: „Warum heizt der nicht?“ Draußen auf der Straße sieht sie in den Cafés Leute sitzen. „Immerhin – die Leute gehen aus, trinken Kaffee, so schlimm kanns wohl nicht sein.“ Iannis: „Hat sie gar nicht gesehen, dass da drei Leute um eine kleine Tasse hocken? Dass man in Griechenland einen ganzen Tag im Café bleiben kann, auch wenn man nur ein Glas Wasser trinkt? Was sollen die Menschen machen – ihre Häuser nie mehr verlassen? Kann man nicht mal ein bisschen Empathie ...?“ Er bricht ab, sagt nichts weiter.

Iannis, was wünschst du dir? Die Antwort erfolgt so spontan wie präzise: „Eine E-Gitarre, Fender Jaguar, Baujahr 1965, mit der Farbe Olympic White.“

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Für den Workshop hat er den Anfang seiner Übersetzung aus Erich Maria Remarques „Der schwarze Obelisk“ vorgelegt.


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