Schuldirekorin in München, Lehrerin für Pontisch in Thessaloniki – Alkmini Theodoridou

26 Juni

Aufgewachsen ist sie als viertes von fünf Kindern in einem nordgriechischen Dorf bei ihrer Oma. Die Eltern waren 1965 als Gastarbeiter nach Hamburg gegangen, die Kinder blieben bei der Oma. Die war eine gebildete Frau, die Russisch und Georgisch sprach und Türkisch und Armenisch, die wirkliche Muttersprache aber war das Pontische, und das lernten ihre Enkelkinder bei ihr. Als Alkmini in die Schule kam, musste sie erst einmal Neugriechisch lernen. Mit sechzehn besuchte sie ihre Eltern in Hamburg, um da zu arbeiten und Geld zu verdienen. Deutsch konnte sie damals noch nicht.

Für ihr Studium musste sie die nordgriechische Heimat verlassen und nach Larissa in Thessalien ziehen. Dass es in ganz Nordgriechenland keine Pädagogischen Fakultäten an den Unis gab, lag an der Politik der damals regierenden Junta: Die Obristen wollten verhindern, dass zu viele, womöglich aufmüpfige Studenten sich an einem Ort versammelten. So lernte sie ihren Mann kennen, der aus Thessalien stammt und auf den stolzen Namen Minos hört.

Nach dem Studium muss der Verlobte zum Militär und Alkmini zieht wieder mit ihrer Schwester Artemis nach Hamburg, diesmal, um da an einer griechischen Schule zu arbeiten und um Deutsch zu lernen. Am Dolmetscherinstitut der Stadt. Gleich neben diesem Institut gab es ein kleines Kino, wo eines Tages ein Film mit dem Titel „Griechische Feigen“ gespielt wurde. Begeistert betraten die beiden Schwestern das Kino – um nach einigen Minuten festzustellen, dass es sich um einen Porno handelte und sich außer ihnen nur Männer im Saal befanden. 

1985 kam Alkmini mit ihrem Mann nach München, wo sie beide an einer griechischen Schule arbeiten sollten. Ein Quartier gab es noch nicht bei der Ankunft, also suchte sie die Griechische Botschaft auf, ließ sich die Adresse einer preiswerten Pension geben, rief da an und regelte die Angelegenheit souverän und auf Deutsch. Was der griechische Schulrat in seinem Büro mitbekam und sie auf der Stelle zur Konrektorin ihrer neuen Schule ernannte – der Zufall wollte es, dass eben diese Stelle gerade frei geworden war. Fünf schöne Jahre waren das in München, sagt sie. Sie mag die Stadt. In Griechenland hat sie in diversen Dörfern auf dem Peloponnes gearbeitet, dann in Kilkis, in Serres, zuletzt in Thessaloniki. Eine strenge Lehrerin, trotzdem von allen Schülern heiß geliebt.

Heute ist sie Pensionistin und unterrichtet immer noch – die pontische Muttersprache. Doch, dafür gibt es Interesse, die Klassen sind voll. Geld nimmt sie nicht dafür.

Wie war es in Deutschland? Gut! Sie hatten so viele Freunde da aus der ganzen Welt, von Brasilien bis Ghana und aus der Türkei. Und natürlich auch deutsche Freunde, zu denen der Kontakt sich bis heute erhalten hat mit wechselseitigen Besuchen hier und dort.

Gar nichts Schlechtes? Doch, doch. Da war zum Beispiel diese alte Dame, eine Rentnerin, die täglich auf gerade den Bus gewartet hat, den die griechischen Kinder nach der Schule – natürlich laut und ausgelassen – bestiegen. Jeden Tag hat sie sie angeschrien: „Unverschämte Ausländer! Gar keine Manieren ...!“ Am dritten Tag hat Alkmini sie gestellt mit den Worten: „Ich bin die Lehrerin dieser Kinder. Und ich verbiete Ihnen, sie anzuschreien. Sie als Rentnerin können auch den nächsten Bus nehmen. Wenn Sie meine Kinder noch einmal anschreien, rufe ich die Polizei!“ Gleich war Ruhe, die Frau zog den Kopf ein, und „Gut gemacht“, flüsterte die erschauernde deutsche Kollegin neben ihr.

Wie erlebt sie die Krise? Als Pensionistin kann man das sehr klar benennen: Vorher betrug die Rente 1700 €, jetzt sind es ca. 900. Und davon gehen dann nochmal Steuern und Abgaben weg. Aber am schlimmsten ist, dass ihre beiden Söhne das Land verlassen mussten, weil sie hier keine Arbeit fanden. Jetzt unterrichtet der eine Ökonomie am King’s College in London, der andere ist Sportlehrer, Trainer, Journalist in München.

Alkmini, was wünschst du dir? "Glück und Gesundheit für die ganze Welt und besonders für die Kinder!"

Tags: Pontisch

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